„Wegen Umbau geschlossen.“ Nein, nicht die Aula, aber leider auch nicht das sich verändernde Gehirn junger Menschen in der Pubertät.

„Die Pubertät ist eine besondere Zeit.“ Mit diesen Worten eröffnete Studienleiterin Dorothee Ohl den Abend in der Aula der Max-Planck-Schule, der ganz im Zeichen dieser besonderen Zeit stehen sollte.  Dr. med. Gerd Reifschneider vom Neuro Centrum Odenwald, der eingeladen war, über „Hirnentwicklung in der Pubertät“ zu sprechen, blickte in zahlreiche fragende und erwartungsvolle Augen, die zu Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und auch zu Schülerinnen und Schülern gehörten. Die Blicke, die die voll besetzte Aula füllten, interpretierte er richtig und zerstörte sogleich deren Hoffnung: „Ich werde Ihre Probleme nicht lösen.“ Aber, fuhr er sogleich fort, er werde seine Sichtweise als Neurologe anbieten. Diese Sichtweise erwies sich als äußerst interessant und Dr. med. Reifschneider überzeugte jeden biologischen Laien mit seiner verständlichen Darstellung hoch komplexer Zusammenhänge. Wer hat jemals darüber nachgedacht, dass in der 40. Woche das Menschenkind über 100 Milliarden Nervenzellen verfügt? Über 100 Billionen Synapsen und 1000 Milliarden Hilfszellen, so genannte Gliazellen? Doch was den Menschen erst zum moralisch und kontrolliert handelnden Menschen macht, zu einem Wesen mit Charakter, das sind die Stirnlappen, der präfrontale Cortex. Und genau dort wird in der Pubertät die Baustelle eröffnet.

Wie soll nun das Lernen in einer Zeit funktionieren, in der eigentlich gar nichts funktioniert? Wichtig ist das stete Trainieren des Gehirns, denn durch beständiges Üben wird die Synapsendichte erhöht. Die Redensart „Übung macht den Meister“ kommt folglich nicht von ungefähr, jedoch sind ebenso wichtig menschliche Zuwendung, Kommunikation und Erziehung. „Aus Daten Empfindungen machen.“ Diesen Rat gab Dr. med. Reifschneider und erklärte, dass das Gehirn Geschichten liebt und sich diese gut merken kann. Es ist wichtig, Emotionen und Begeisterung beim Lernenden zu wecken.

Was genau passiert schließlich auf der Baustelle Pubertät? Es ist die Zeit des Umbaus des Gehirns und dieser Umbau vollzieht sich überwiegend im Schlaf, weswegen junge Menschen ein hohes Schlafbedürfnis haben. Jugendliche sind morgens müde, kein Wunder, bei dem, was ihr Gehirn nachts gearbeitet hat.  Die Pubertät ist die Phase im Leben, in der sich Kinder aus sozialen Bindungen lösen, um neue zu knüpfen. Ebenso werden die Synapsen gelöst und neu verknüpft. Das, was wirklich gebraucht wird, wird fest verdrahtet, aus einem Feldweg im Gehirn wird eine „Datenautobahn“, so das anschauliche Bild des Dr. med. Reifschneider. Damit diese Autobahn gelingen kann, sollten bereits „fertig umgebaute“ Menschen, die so genannten Erwachsenen, mit gutem Beispiel vorangehen. Die Jugendlichen durch Kommunikation, Bestärkung, moralisch korrektes Vorleben in der Phase des Umbaus unterstützen und möglichst auf Druck verzichten.

Mögen all wir Eltern und Lehrer uns an diese eindrucksvollen Schilderungen erinnern, wenn wir das Gefühl haben, so ein pubertierender Mensch bringe uns zur Verzweiflung.

Birgit Hartmann-Thierolf