Projekttag „Zeitzeugen“ an der Max-Planck-Schule

Carina Kühn u. Tamara Pohl

 

„Warum sind Sie dann nicht abgehauen? Durch das Hoftor?“

„Die DDR ist ein kleines Land. Wohin hätte ich dann gesollt? Ausreisen oder irgendwo unterschlüpfen war unmöglich. Außerdem waren da vier Stasi-Leute. Irgendeiner hätte mich schon gekriegt. Ich hatte auch immer noch die Hoffnung, dass ich schnell wieder gehen dürfte“, antwortete Uta Franke auf die Frage einer Schülerin.

 

Sie besuchte die Max-Planck-Schule im Zuge des Projekttags „Zeitzeugen“. Für die zehnten Klassen drehte sich an diesem Tag alles um das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), umgangssprachlich Stasi genannt.

Als erstes erhielten die Schüler eine Einführung in das Thema durch Gudrun Krauß, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, und Jutta Fleck von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Wichtige Ereignisse vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung wurden passenden Bildern und Jahreszahlen zugeordnet, wie beispielsweise der Mauerfall am 9. November 1989. Großes Interesse zeigten die Schüler an Ausschnitten des anschließend folgenden Films mit Originalmaterial der Stasi. Darin sah man, wie eine Wohnung heimlich durchsucht wurde und ein verdächtigter Wirtschaftsprüfer beschattet und schließlich verhaftet wurde, weil er illegal Gedichte und Artikel einem Verleger im Westen verkaufen wollte.

Danach hatten die Schüler die Aufgabe, in Gruppen Präsentationen zu erstellen. Dafür waren im Vorfeld Quellen mit Auszügen aus verschieden Akten des MfS verteilt worden, z.B. zu den „Jugendlichen inoffiziellen Mitarbeitern“.

 

Nach einer kurzen Pause kam dann der Höhepunkt des Projekttages: Uta Franke, Zeitzeugin und Autorin, erzählte von ihren Erfahrungen und las aus ihrem Buch „Der lange Arm der Stasi“. Sie war 1979 in Leipzig von der Stasi festgenommen worden, weil sie mit zehn anderen ca. 1200 Flugblätter gedruckt hatte, in denen sie die Politik der DDR kritisierten. Außerdem hatten sie „illegale Literatur“, wie zum Beispiel Rudolf Bahros „ Die Alternative“, gelesen und sich zu kritischen Diskussionsrunden getroffen. Für die meisten Schüler undenkbar, wegen so etwas festgenommen zu werden. Trotzdem wurde Uta Franke zu 2 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt wegen „staatsfeindlicher Hetze“. „Das Schlimmste war, dass ich meine Tochter verloren habe. Sie war 4½, als ich verhaftet wurde. Erst mit 7 habe ich sie wieder gesehen“, erzählte Franke. Weder Familie noch Freunde wussten genau, warum sie verhaftet worden war. Vom einem auf den anderen Tag war sie einfach verschwunden, wurde von der Stasi abgefangen, verhört und schließlich verhaftet. Trotz Gefängnis bereute sie ihre „Taten“ nicht. Mörderinnen, ehemalige KZ-Aufseherinnen und politische Gefangene wurden gemeinsam in Zellen gesperrt. „Wer einmal in Haft war, weiß wie die DDR wirklich ist“, sagte sie. Auch ihr Ehemann wurde verhaftet, die Tochter lebte bei den Eltern von Franke. Nach ihrer Haft, 1981, lebte sie in Köln, weil die BRD sie freigekauft hatte. Als der Ausreiseantrag der Tochter, Dörte Franke, schließlich nach langem Warten bewilligt wird, wird die Familie wieder zusammengeführt. Wie genau Uta Franke von der Stasi überwacht wurde, erfährt sie erst, als sie ihre Akten einsieht. Jeder Schritt wurde überwacht.

Seit 1991 kann man seine eigene Stasiakte einsehen. Man erfährt genau, was gemacht wurde und wer dafür zuständig war. Als Uta Franke ihre Akte einsah, fand sie heraus, dass sie selbst in der BRD noch weiter überwacht wurde.

In dem Gespräch mit der Autorin zeigten sich die Schüler sehr interessiert und stellten viele Fragen. So ausführlich hatten sich die meisten noch nie mit dem Stasi-System beschäftigt. Dieser Tag war für alle Schüler sehr beeindruckend und die spannenden Erzählungen der Zeitzeugin ließen auf erschreckende Weise Funktionsmechanismen des DDR-Systems, die oft schon als „abgeschlossen“ oder „erledigt“ gelten, lebendig erscheinen.